Eltern für Kinder Österreich

 

EFKÖ - Pflegeelterntreffen zum Schwerpunkt: "Suchtprävention in der Pflegefamilie" Teil 2

Im heurigen Frühjahr wurden die Schwerpunkte „Suchtprävention in der Pflegefamilie“ sowie „Entwicklungschancen und -risiken von Kindern opiatabhängiger Mütter“ ins Zentrum der Auseinandersetzung gerückt.

Dabei wurden sowohl pädagogische, entwicklungspsychologische und sozialmedizinische Aspekte durch die beiden ReferentInnen, Frau DSA Sabine Kolar und Hrn. Dr. Thomas Elstner näher beleuchtet. Die Kurzzusammenfassung des Fachvortrages finden Sie nachfolgend:

Vortrag 2 - Kinder opiatabhängiger Mütter. Entwicklungsrisiko und Chancen

Die Suchterkrankung (medizinisch Abhängigkeitssyndrom) ist eine chronische psychische Erkrankung die zu Veränderungen im Gehirn führt, die vor allem auch das Motivationssystem (sozusagen den „Willen“) betreffen.

Menschen die von einer Substanz abhängig sind, verspüren den Zwang bzw. das starke Verlangen (Craving) diese Substanz zu konsumieren, sie haben eine verminderte Kontrolle über den Gebrauch, und wenn sie die Substanz nicht bekommen, entstehen körperliche Symptome. Dies führt in der Folge dazu dass alle anderen Interessensbereiche vernachlässigt werden, was bei illegalen Substanzen zu einer Fülle von weiteren Problemen führen kann.

Die Substanzabhängigkeit ist eine chronische Erkrankung, die eine langjährige Behandlung und Rehabilitation braucht. Begleitende, manchmal auch verursachende andere psychische Erkrankungen bzw. Traumatisierungen seit der Kindheit, verschlimmern die Situation (Komorbidität).

Suchtkranke Menschen sind oft von mehreren Substanzen abhängig. Dazu zählen Schlaf- und Beruhigungsmittel, Kokain, Zigarettenrauch, Alkohol.

Bei Behandlung mit Opiat-Ersatzmitteln (Substitution) und gleichzeitiger Betreuung kann die Erkrankung stabilisiert werden. Das Ziel ist, den Konsum von anderen Substanzen zu vermindern, die Gesundheit zu verbessern, und den Wiedereinstieg in ein normales Leben zu erleichtern.

In Wien gibt es bei 7000 substituierten Menschen, etwa 2000 Frauen im Alter zwischen 16 und 40 Jahren. Auch wenn insgesamt der Drogenkonsum zurückgeht, kommen doch jedes Jahr einige junge Frauen zusätzlich in Betreuung, und damit steigt die Zahl der Geburten. Insgesamt werden derzeit jährlich etwa 80 Kinder von opiatabhängigen, meist substituierten Müttern geboren.

Opiatabhängige Frauen haben oft einen unregelmäßigen oder fehlenden Zyklus haben, und entdecken sie die Schwangerschaft spät, manchmal sogar erst knapp vor der Geburt. Das heißt, es bleibt ihnen wenig Zeit, sich auf das kommende Baby einzustellen und ihr Leben umzustellen. Dazu kommt der Stress „noch alles auf die Reihe zu kriegen“. Die Angst, das Baby nicht behalten zu können ist groß, und in einem Teil der Fälle auch nicht unberechtigt.

Welche biologischen Risken haben Kinder substanzabhängiger Mütter?

Verschiedene Substanzen können auf das ungeborene Kind einwirken:

Die Substitution mit Opioiden (Methadon, Subutex, Substitol etc.) verhindert Entzugserscheinungen im Mutterleib und stellt, wenn sie wie verschrieben eingenommen wird, kein Risiko für die Kinder dar. Nach der Geburt tritt in etwa 50 bis 80% der Fälle ein Neugeborenen-Entzugssyndrom auf, das allerdings medizinisch gut behandelt werden kann.

Schlaf und Beruhigungsmittel (Benzodiazepine, „Benzos“) sind angst- und spannungslösend, können aber rasch abhängig machen. Bei vielen Babys, die einen langen Entzug haben, findet sich ein Schlafmittelmissbrauch in der Schwangerschaft.

Tabakrauch in der Schwangerschaft kann zu Minderwuchs im Mutterleib führen, erhöht das Risiko für Schielen und ist auch bei späteren Verhaltensstörungen, ADHS ein Risikofaktor. Das Entzugssyndrom nach der Geburt kann verstärkt werden.

Kokain ist ein Gefäßgift und kann Fehlbildungen hervorrufen. Weiters kann es zu Wachstumsstörungen führen.

Alkohol in der Schwangerschaft führt zu den bekannten lebenslangen Auswirkungen auf die geistige und körperliche Entwicklung der Kinder.



* Die schädliche Wirkung von illegalen Drogen in der Schwangerschaft auf die Entwicklung wird generell überschätzt, die von legalen Substanzen (Alkohol, Tabak, Schlafmittel) unterschätzt. Auch die Menge und die Kombination spielt eine Rolle.

* Weitere Folgen der Suchterkrankung, wie z.B.: Mangelernährung, versäumte Vorsorgeuntersuchungen, eine unbetreute Schwangerschaft sowie Infektionen, … bieten ein zusätzliches Risiko.

* Eine möglichst frühe, Betreuung und Behandlung in der Schwangerschaft verbessert die Chancen für die ungeborenen Kinder.

Das neonatale Abstinenzsyndrom (NAS) bei Neugeborenen tritt in vielen Fällen nach einer Substitution in der Schwangerschaft auf. Die Symptome beginnen je nach Substitutionsmittel zwischen 24 und 72 Stunden nach der Geburt.

Allerdings sind die Neugeborenen nicht „süchtig“ (siehe oben). Das heißt, sie haben zwar die Beschwerden des Entzugs, die behandelt werden können, aber kein Verlangen nach der Substanz.

Die Kinder sind unruhig, sie zittern, schreien schrill, können nicht schlafen. Sie haben auch ohne Hunger ein verstärktes Saugbedürfnis. Gähnen, Niesen, Schluckauf, Durchfälle, Erbrechen, Fieber können auftreten. Durch die gesteigerten Reflexe wirken sie auch „schreckhafter“.

Ein leichter Entzug kann mit den bei unruhigen Babys bewährten Maßnahmen („comfort care“) behandelt werden. Meist wird aber Morphin mehrmals täglich nach genauem Plan zum Schlucken verabreicht. Manchmal werden zusätzlich andere Mittel benötigt.

Ansonsten brauchen die Kinder all das was auch gesunde unruhige und verzweifelte Babys brauchen!

Gerade der lange Entzug und seine Umstände führen aber dazu, dass die selbstverständlichen Bedürfnisse von Neugeborenen (kuscheln, herumgetragen werden von einer verlässlichen Bezugsperson und die beruhigende beständige Nähe der vertrauten Person) weitgehend fehlen.

Für die Kinderspitäler ist der schwierige Umgang mit aufgeregten und psychisch kranken Eltern der „Entzugsbabys“ eine große Herausforderung. Eine standardisierte und verbesserte Betreuung der Mütter im wie z.B. im Preyer´schen Kinderspital hat zu einer erheblichen Verkürzung des Entzugs geführt, ohne dass andere Mittel verwendet wurden!


Was kommt danach?

Etwa 3/4 der Kinder werden primär zu den Eltern entlassen werden. Etwa die Hälfte der Kinder bleibt danach auch längerfristig in Betreuung der Mütter. Ein Viertel der Kinder kommt schon nach der Geburt in Krisenpflege/ Pflegefamilien oder zu Angehörigen. Hier wird mittlerweile versucht, die „Treffsicherheit“ zu erhöhen. Die Entscheidung, ob ein Kind zu den Eltern entlassen werden kann, ist aber im Einzelfall oft eine sehr schwierige.


Betreuungsmöglichkeit in der Entwicklungsambulanz Rosenhügel:


Nach Abklingen der Entzugssyndrome ist es vor allem in den ersten Monaten und Jahren wichtig, die Kinder in ihrer Entwicklung fachlich zu begleiten. Am Krankenhaus Rosenhügel besteht seit 15 Jahren eine auf Kinder substanzabhängiger Mütter spezialisierte Entwicklungsambulanz. Ich sehe die Kinder in den ersten zwei Jahren etwa vierteljährlich, danach halbjährlich bis jährlich bis zum 6. Lebensjahr, bei Bedarf auch öfters. Es gibt auch die Möglichkeit für Pflegeeltern, die mit ihren Kindern nicht seit dem Babyalter in der Entwicklungsambulanz waren, sich jederzeit bei Problemen zu einer Abklärung zu melden.

Pflegeeltern haben oft Fragen und Sorgen in Bezug auf die Auswirkungen der Substanzen auf die Entwicklung. Die meisten Entwicklungskrisen sind aber unspezifisch und mit einfachen Unterstützungsmaßnahmen gut zu beheben. Die regelmäßigen Entwicklungskontrollen und Beratungsmöglichkeiten bieten einen sicheren Rahmen für Kinder und Eltern, und Probleme können angesprochen werden, bevor sie sich zu Hindernissen in der Entwicklung auftürmen.

Folgende Probleme fanden sich bei etwa 5-10% der etwa 500 Kinder die seit 1995 betreut wurden: Kleine Fehlbildungen, Schielen, eine leichte motorische Entwicklungsverzögerung. Weiters kann sich eine Sprachentwicklungsverzögerung zeigen, vermehrte Impulsivität und Aufmerksamkeitsprobleme können im Vorschulalter deutlich werden. Falls es nötig ist kann auch eine ergotherapeutische, logopädische oder psychologischen Abklärung durchgeführt werden. Letztere ist gerade im Vorschulalter zur Planung des Schuleinstiegs wichtig.


Zusammenfassung:


Die biologischen Risiken für die Entwicklung der Kinder opiatabhängiger Mütter sind gering, Zusatzkonsum in der Schwangerschaft erhöht das Risiko.

Interaktionsschwierigkeiten, Emotionale Probleme und Verhaltensschwierigkeiten sind häufiger und ebenfalls vom Ausmaß der Suchterkrankung der Eltern abhängig.

Viele Kinder – sowohl bei leiblichen als auch bei Pflegeeltern - haben gute Chancen auf eine unauffällige Entwicklung.

Eine vorausschauende Entwicklungsbegleitung durch die ersten Lebensjahre hilft, Probleme schon zu erkennen, bevor sie sich zu massiven Schwierigkeiten auswachsen.

Ab dem Vorschulalter wird bei Kindern die mit Pflegeeltern aufwachsen, auch die Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft immer wichtiger.

Falls Schwierigkeiten oder Entwicklungsfragen auftreten (auch bei älteren Kindern), ist eine telefonische Terminvereinbarung in der Entwicklungsambulanz der Kinderpsychiatrischen Abteilung am KH Rosenhügel jederzeit möglich.


Referent: Dr. Thomas Elstner (Facharzt für Kinder- und Jugendneuropsychiatrie, Facharzt für Kinderheilkunde, Psychotherapeut)

Adresse:

Entwicklungsambulanz KH Hietzing mit NZ Rosenhügel
Kinder- und Jugendpsychiatrie
Riedelgasse 5, 1130 Wien

Telefonische Terminvereinbarung: 01 88 000/
Maga (FH) Sabine Schrefl: Klappe 538
Oder Ambulanzschalter: Klappe 339


Literatur:

Entwicklungsbegleitung von Kindern substanzabhängiger Mütter – das Wiener Comprehensive Care Modell: T. Elstner, S. Fiala-Preinsperger und E. Berger, Neuropsychiatrie, Band 20, Nr. 2/2006, S. 109–117

Kinder substanzabhängiger Eltern: T. Elstner, S. Fiala Preinsperger, E. Berger in: Handbuch der Suchtstörungen im Kindes und Jugendalter S. 235-239: Thomasius, Schulte-Markwort Hrsg., Schattauer, Dez. 2008