Kreativ-Tipps von Susanne Prosser
Heute: Warum wir die Filme stoppen und unser Selbstbild ändern sollten.
Haben Sie schon einmal daran gedacht, was wir alles möglich wäre, wenn prinzipiell alles möglich wäre? Sie sagen es: Alles! Mutig und verwegen gesagt, ist tatsächlich alles möglich. Das ist doch nicht möglich!, entgegnet jetzt der Kopf, rechthaberisch, erhaben und ein wenig herablassend.
Der Kopf braucht viel Anerkennung. Weil er sich selbst so richtig wichtig nimmt. Er stellt sich gerne in die Quere, wenn Träume und Wünsche an die Oberfläche tauchen.
Um gegen diese unberechenbaren Wildfänge zu reüssieren, bedient sich der Kopf einer eigenen Kinoleinwand, auf der immer wieder neue Kurzfilme abgespielt werden. Die Filme rattern ständig: Über die eigene Person, über die anderen Personen um uns herum und über die Welt, wie sie uns begegnet. It’s Showtime! Diese Filme haben eines gemeinsam: Sie sind so emotionalisierend wie ein Streifen aus Hollywood - der Traumfabrik - und zugleich so glaubwürdig und real. Und: Diese Filme handeln immer von Bewertungen und inneren Überzeugungen, die ziemlich fest abgespeichert sind - und mit unseren eigenen oft gar nicht viel zu tun haben.
Sie laufen ständig mit wie ein kleiner, unsichtbarer Computervirus. Zum Beispiel: „Dieser rote Hut von Frau Fink sieht richtig lächerlich aus! Rote Hüte trägt doch heute keiner mehr!“, denkt die ebenso intelligente wie anmutige Frau Meier, und überhaupt: Schon ihre Mutter fand rote Hüte einfach widerlich, weil sie in ihrer schreienden Farbe mitten auf dem Kopf so aufdringlich sind. Aufdringlich sein schickt sich nicht für eine Frau!
Bei einem informellen Netzwerktreffen wird Frau Meier am Stehtisch bei Prosecco überraschend ein toller Job angeboten. Es ist eine spannende Position von internationalem Format und mit Führungsverantwortung, maßgeschneidert für Frau Meiers langjährige Kompetenz und Erfahrung in der Branche.
„Führungsverantwortung?“ Frau Meiers Kopf schreit auf. Der Film geht an, er surrt und surrt ... Das kann sie nicht, nein, sie doch nicht! Sie hat noch nie andere Menschen geführt. Man würde sie nicht ernst nehmen, wenn sie plötzlich ein eigenes Team aus ihren jetzigen Kollegen dirigieren soll. Das passt gar nicht zu ihr! Eigentlich nimmt sich Frau Meier selbst nicht so richtig ernst, muss sie sich jetzt in ihrem innersten eingestehen, und irgendwie schämt sie sich dafür. In diesem Moment rasselt auf der Kopfkinoleinwand auch schon in weißen Lettern der Abspann herein: „The End“. Frau Meier hebt ihren Prosecco orange, lächelt kühl und winkt dankend ab und sagt: „Dieses Angebot ist wirklich toll. Aber ich bin einfach noch nicht so weit.“
Wer sagt eigentlich, dass Schokolade wirklich schmeckt? Ist sie wirklich ein großer Genuss oder mögen wir sie nur, weil wir einfach von klein auf daran gewöhnt und darauf konditioniert worden sind? Folgen wir wirklich unserem Innersten oder spielen wir im Leben bloß eine Rolle, wie in einem Film, bei der Kopf und alle anderen Regie führen – aber nicht unser wahres Selbst? Wer bereit ist, seine Filme radikal zu löschen und sich selbst und den neuen Situationen unvoreingenommen zu begegnen, wird merken: Es ist tatsächlich so viel mehr möglich, als im Drehbuch steht.
Die Autorin:
Susanne Prosser ist freie Journalistin und Unternehmerin.
www.redaktion5.at